Giovane Elber im Interview mit proteco

Élber Giovane de Souza, kurz Giovane Elber, ist einer der erfolgreichsten ehemaligen brasilianischen Fußballspieler und heute Talentsichter. Seine wichtigsten Karrierestationen u.a. VfB Stuttgart (1994-1997), FC Bayern München (1997-2003) und die brasilianische Nationalmannschaft (1998-2001).

proteco: Die Fußball Weltmeisterschaft 2014 wird immer teurer, Gerüchte sprechen von Kosten in Höhe von allen drei vergangenen Weltmeisterschaften zusammen. Die Bevölkerung von Brasilien protestiert. Denken Sie, dass Fußball-Großereignisse mittlerweile für ein Land allein zu kostspielig sind?

Giovane Elber: Ja, das ist so, doch kann ich mir nicht vorstellen, dass z.B. Argentinien mit Brasilien in Sachen Fußball kooperiert hätte. Da gibt es einfach zu viele Probleme und Vorurteile. Weltmeisterschaften und Olympische Spiele wurden schon immer teurer als ursprünglich geplant – wie auch andere Großprojekte z.B. der neue Hauptstadtflughafen in Berlin und das Bahnprojekt Stuttgart 21 zeigen. In Brasilien wurde in den letzten Jahren fast alles teurer und an Sparen wird nicht gedacht – weder bei der Fifa noch bei unserer Regierung. Wir mussten alle Stadien renovieren und haben z.B. ein schönes Stadion in Manaus gebaut. Aber dort gibt es nicht mal eine Erstligamannschaft. Wer soll dort nach der WM spielen? Oder Natal, eine schöne Urlaubsstadt, aber Fußball wird dort nicht wirklich gespielt. Genauso in Cuaibá. Das sind auf die Schnelle drei WM-Orte, in denen die Stadien nach dem Turnier leer bleiben werden. In Brasilien wird nächstes Jahr insgesamt in zwölf Stadien gespielt – aber das hatte Brasilien ja selbst entschieden. Einige Politiker wollten die Spiele in ihrer Heimatstadt haben, bezahlen muss aber das Volk.

proteco: Inwiefern kann Brasilien von der WM 2014 profitieren? Wo liegen die echten Chancen?

Giovane Elber: Zur Fußball-WM werden nicht nur Stadien gebaut. Es wird auch in Flughäfen, U-Bahnen, Bus-Bahnhöfe und andere Verkehrsmaßnahmen investiert. Das bringt zweifelsohne Verbesserungen für die Infrastruktur Brasiliens und ihre gastgebenden Städte. Außerdem werden Hotels gebaut, und der Tourismus erleidet einen gewaltigen Boom. Die ganze Welt schaut vor und während der WM nach Brasilien und sieht wie schön das Land und wie sympathisch die Menschen sind. Ich denke, dass die WM trotz Demonstrationen eine Werbung für unser Land wird und wir insgesamt positiv in Erinnerung bleiben werden. Die Demonstrationen halte ich für notwendig und gut, denn endlich sind meine Landsleute aufgewacht und wehren sich gegen die weitverbreitete Korruption und die Benachteiligung des größten Teils der Bevölkerung.

proteco: Nehmen wir an, Sie hätten einen Wunsch frei: Wie müssten sportliche Großereignisse in Zukunft aussehen, damit die Mehrheit der Bevölkerung wirklich nachhaltig profitiert und Großveranstaltungen tatsächlich sozial verträglich sind?

Giovane Elber: Sportliche Großereignisse sollten alle Bevölkerungsgruppen begeistern und zufrieden stellen. Sie sollten emotionale Höhepunkte darstellen, aber auch nachhaltig sein. Freude und Begeisterung der Fans sollten nicht mit dem Schlusspfiff enden und Stadien sollten auch Jahre nach den WM-Veranstaltungen sinnvoll genutzt werden. Sportliche Großveranstaltungen sollten immer auch ihre weltweite Bedeutung nutzen, um auf gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen unserer „einen Welt“ aufmerksam zu machen. Deshalb begrüße ich auch Demos und Willensbekundungen, wie sie vor kurzem in Brasilien stattgefunden haben – allerdings nur, wenn sie auch friedlich und ohne Randale verlaufen.

proteco: Sie setzen sich neben dem Fußball für soziale Projekte in Ihrem Land ein. Was liegt Ihnen besonders am Herzen und warum?

Giovane Elber: Ja, ich engagiere mich mit vielen Unterstützern aus Deutschland für arme Kinder meiner Heimatstadt Londrina. Wir haben vor 20 Jahren in Winterbach, wo ich wohnte, als ich beim VfB Stuttgart spielte, den Verein zur Förderung brasilianischer Straßenkinder gegründet, dem inzwischen auch noch meine Stiftung angegliedert ist (siehe www.giovane-elber-stiftung.de). Ich möchte mit meinem Verein und der Stiftung mehr Gerechtigkeit für arme Kinder schaffen und ihnen eine Chance für ein menschenwürdiges Leben und eine Ausbildung im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe bieten. „Bildung statt Almosen“ ist das Motto unserer Aktionen. Meine Frau, zahlreiche brasilianische und deutsche Freunde und Helfer unterstützen mich dankbarerweise hierbei immer noch, denn Hilfe wird auch noch in Zukunft dringend benötigt.

(c) Giovane Elber by Michael Lucan_Lizenz CC BY-3.0

(c) Giovane-Elber-Stiftung

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